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Amiga Future Forum Index -> Knowledge Base  »  Deutsche Artikel  »  Testberichte  »  Testberichte - Spiele [Printable version]
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Type: Testbericht
Description: von Alexander Drews
Date: 01.04.2008 - 18:04 - Views 1337
Category: Testberichte - Spiele
1990-93er Edition
 
Wie die ödp 1 Mio. Mark im Wahlkampf verpulvert, 17.000 Mitglieder gewinnt und in Brandenburg auf 3,7% der Stimmen kommt

Bei besagter Medizin handelt es sich um das Computerspiel '1990', welches bereits 1993 in der ersten Fassung auf dem Markt kam. Zwar ist die letzte Aktualisierung 1995 erfolgt, und im Grunde ist die 'miteinander' ja auch keine ASM oder Computer-Spiele-Bild, aufgrund der aber ungewöhnlichen Thematik ist ein Testbericht zu gerade diesem Spiel vielleicht hier doch nicht ganz fehl am Platze, denn wer würde nicht gerne mal mit der ödp eine Landtagswahl gewinnen, auch wenn es nur am heimischen Computer ist? Außerdem ist '1990' gerade als 'Komplettlösung', also inklusive der 92er, 93er und 95er-Updates, wieder von APC-TCP (ein Amiga-Software-Vertrieb) veröffentlicht worden, und zwar innerhalb der Spielesammlung 'Classics 1'. Diese CD enthält sogar noch einige andere Spiele, die unter dem Label APC-TCP veröffentlicht wurden, unter anderem das recht bekannte Ballerspiel 'Gunbee F-99' und die ebenfalls ganz gut gelungene Magiermeisterschaft 'Kargon'. Aber uns interessiert natürlich in erster Linie '1990', wobei schon die Anleitung zum Spiel zu motivieren weiß, weil doch tatsächlich auch die ödp hier Erwähnung findet.

Wer hätte damit gerechnet?

Nachdem ich auf meinem Amiga 1200 (eine PC-Version ist bei APC-TCP ebenfalls erhältlich, allerdings nur separat, also ohne 'Gunbee F-99' etc.) zuerst die 93er- und darauf die 95er-Aktualisierung installiert habe, kann das Programm durch einfaches Anklicken gestartet werden. Es erscheint zuerst ein Vorspann, mit dem sich das Programmierteam Neudelsoft im Programm verewigte, dazu spielt eine Musik, die noch nicht so recht überzeugend klingt. Anschließend fragt mich das Programm, wie viele Politker denn vor dem Monitor sitzen: '1990' kann man sowohl alleine spielen als auch zu zweit oder zu dritt. Aber mangels weiterer Tester trete ich erstmal alleine gegen die vom Computer gesteuerten Parteien an. Als nächstes muss ich meinen Namen eingeben, dann möchte mein Amiga wissen, wie meine Partei denn heißen soll. Da gibt es gar keine Frage, natürlich tippe ich Ökologisch-Demokratische Partei und als Kürzel ödp (kleingeschrieben) ein. Jetzt muss ich nur noch einen von 5 Schwierigkeitsgraden wählen und die Dauer meiner politischen Karriere festlegen (25 oder 50 Jahre), und das Spiel beginnt. Ich finde mich also in der Parteizentrale wieder. Vor mir eine riesige Deutschlandkarte, über die ich die einzelnen Ländern anwählen kann, und der Bundesadler, für alles, was sich auf die ganze BRD bezieht. Die Farbe der Länder gibt an, welche Partei gerade die jeweilige Regierung stellt. Sämtliche Länder sind zu Beginn rot oder blau gefärbt, was für eine SPD- oder CDU-geführte Regierung steht. Aber soweit bin ich noch nicht, ich kümmere mich lieber erstmal um meine eigene kleine Mini-Partei, die am 1.8.1995 (Datum des Spielbeginnes) zwar nur 400 Mitglieder hat, aber immerhin dafür 2 Mio. Mark auf dem Konto. Damit lässt sich wohl schon einiges bewerkstelligen. Die erste Wahl findet am 11.9. in Rheinland-Pfalz statt, die zweite am 5.11. in Berlin. Da mir die rheinländische Wahl schon zu dicht vor der Tür steht, beschließe ich, in Berlin anzutreten und dort auch gleich richtig Wahlkampf zu betreiben. Vorher jedoch erhöhe ich den Mitgliedsbeitrag auf 10 DM und lade zum Parteitag ein, um das Grundsatzprogramm festzulegen. Das läuft nun folgendermaßen ab:


Der Computer stellt mir insgesamt 5 Fragen wie z. B. "Spricht Ihre Partei mehr das wohlhabende Bürgertum an oder eher die Arbeiterklasse?". Die Antwort muss ich dann mittels Schieberegler geben, mit dessen Hilfe ich einstellen kann, ob und inwieweit die Partei in die eine oder in die andere Richtung tendiert. Zwar ist die ödp ja eher eine Partei der Mitte, aber das behauptet die FDP ja auch von sich, und darum verschiebe ich den Regler leicht in Richtung Arbeiterklasse, denn ich halte die ödp dann doch für wesentlich sozialer als die FDP. Die nächste Frage betrifft die Außenpolitik, die Extrempunkte heißen 'Verständigung' oder 'Interessendurchsetzung'. Hier fällt mir die Wahl leicht, der Regler wandert nach links zur Verständigung, denn imperialistische Ansichten sind der ödp ja nun wirklich völlig fremd. In der Sozialpolitik geht es um 'Sozialstaat' oder 'Rechtsstaat', und da ich Forderungen wie ein Erziehungsgehalt für Mütter durchaus für sozialstaatlich halte, wandert der Regler ein weiteres Mal in die linke Richtung. Die nächste Frage ist wieder eindeutig (Umweltschutz oder Wirtschaftswachstum, auch wenn eine sozialökologische Marktwirtschaft nicht wirtschaftsfeindlich sein muss), die letzte dann die Gretchenfrage: "Ist Ihre Partei links oder rechts?" fragt mein Amiga mich. Da ich die anderen Regler auch alle in die linke Richtung geschoben habe, teilweise sogar bis zum Anschlag, schiebe ich diesen auch in diese Richtung, allerdings nicht ganz durch (¾ - Stellung). Das erscheint mir auch logisch, denn Anliegen wie 'Umweltschutz' und 'Sozialstaatlichkeit' stießen in bürgerlich-rechten Kreisen noch nie auf Begeisterung. Andererseits ist die ödp eher eine zukunftsorientierte Partei, die sich gerade vom schematischen links-rechts-Denken abhebt. Da ich den Regler aber nur nach rechts oder links und nicht in die Richtungen materialistisch und postmaterialistisch verschieben kann, bleibt mir nur die linke Richtung.

Der Parteitag nimmt denn auch mein Programm an, der Wahlteilnahme steht nichts im Wege. Mich an Heiko Fautek und seine Berliner Truppe erinnernd, möchte ich natürlich auch einen so engagierten Wahlkampf machen, verteile Flugblätter und plakatiere, was das Zeug hält. Auch Wahlgeschenke und Wahlveranstaltungen finanziere ich aus der Parteikasse noch und nöcher, sodass zum Schluss die Wahlkampfkosten sich auf satte 1.000.000 DM belaufen. Zwischenzeitlich läuft die Wahl in Rheinland-Pfalz, und obwohl ich dort nichts in den Wahlkampf gesteckt habe, erreiche ich satte 1,6%. Das motiviert natürlich noch zusätzlich, und ich schanze den Berlinern auch noch die rheinländische Wahlkampfkostenerstattung zu - und dann kommt der große Tag. Hat sich das Engagement gelohnt? Ist Feiern angesagt? Eigentlich müsste, ja. Oha, die erste Wahlprognose. WAS? Wir liegen bei gerade mal 0,1%? Naja, nur die Hochrechnung. (übrigens - ganz klasse gemacht: Wie im Fernsehen werden Statistiken eingeblendet und die einzelnen Balken der Parteien der Reihe nach 'hochgefahren') - Null Komma Drei - mir schwant, dass ich wahrscheinlich 1 Mio zum Fenster rausgeworfen habe und da das Endergebnis: 0,1%, wie bei der Prognose. Das muss natürlich erstmal verarbeitet werden. All das schöne Geld, einfach futsch. Und zudem noch die Schmach, das schlechteste Ergebnis von allen eingefahren zu haben. Alle anderen Parteien haben nämlich besser abgeschnitten als wir. Wo ich gerade bei den anderen Parteien bin: Es gibt immer sechs Computergegner, die die sechs mehr oder weniger großen Parteien steuern (CDU-CSU, FDP, SPD, Grüne, Reps und PDS). Dazu kommen die Parteien der max. 3 Spieler. Für Konkurrenz ist also gesorgt.

Nach dieser Niederlage muss ich natürlich auch das Ansinnen zurückweisen, eine weitere Million für eine karitative Einrichtung zu spenden - denn sonst wären wir ja pleite. Bei der Demoskopieumfrage "Wer ist der/die beliebteste PolitikerIn?" lande ich natürlich auch unter ferner liefen (genauer gesagt, bei 0,0%). Ich verordne also erstmal Ruhe und beschließe, einen solchen Mammutwahlkampf erstmal nicht mehr durchzuführen.


Bei den nächsten Wahlen kommt die ödp immer relativ knapp in den Genuss der Wahlkampfkostenerstattung, sodass nach einiger Zeit wieder Geld auf dem Konto ist. Schneller würde es zwar gehen, wenn ich immer die Bestechungsgelder der Industrie annehmen würde, aber selbst im Spiel denke ich an die freiwillige Selbstverpflichtung der realen ödp - konsequent keine Firmenspenden anzunehmen - und weise die Bestechungsversuche stets zurück. In Baden-Württemberg und Bayern erreiche ich, ohne überhaupt Wahlkampf zu betreiben, 1,9 %, und frage mich, ob das Programm eventuell tatsächlich so intelligent ist, dass es die starke süddeutsche Basis der ödp zu berücksichtigen weiß. Denn im Norden sieht es noch immer sehr düster aus. Mittlerweile war ich auch schon mal bei einer Talkshow im Fernsehen zu Gast, die mich aber sehr enttäuschte, weil sie sich, als ich dann im Studio war, als extrem schwache Kopie von 'Wer wird Millionär?' entpuppte, mit teilweise hundsgemeinen Fragen, aber dafür auch ohne jeglichen Joker. Auch die 'Blind-Zeitung' wurde auf mich aufmerksam und brachte einen netten Artikel über mich, sodass ich neuen Mut schöpfte und beschloss, zur Bundestagswahl anzutreten. Diesmal wählte ich allerdings einen anderen Weg, ich kaufte mich in drei verschiedene Zeitungen ein und hoffte auf gute und dauernde Medienpräsenz. Dadurch rutschte die mittlerweile 7000 Mitglieder starke Partei zwar tief in die roten Zahlen, aber ich spekulierte eben auf die Wahlkampfkostenerstattung. Und dann ging es wirklich abwärts. Die Bundestagswahl endete mit meiner bisher schwersten Niederlage: Sage und schreibe 0,0% (in Worten: NULL KOMMA NULL PROZENT) für die ödp. Und damit nicht genug - die Presse war auf die finanzielle Schieflage der Partei aufmerksam geworden und brachte sie erstmals auf das Titelblatt - leider mit der Schlagzeile "FINANZSKANDAL IN DER ödp". Da half es mir auch nichts, dass ich - wie die ödp es in der Realität auch tut - nie Firmenspenden angenommen hatte - vom Kampf gegen die Korruption wollte niemand mehr etwas wissen. Innerhalb dreier Monate verlor die Partei 4000 Mitglieder. Als dann noch das Gerücht aufkam, in der ödp würden sich lauter Nazis tummeln, ging es endgültig ab in den Keller.

Ich zog mich für´s erste aus der Politk zurück, ließ die Dinge laufen und sparte eisern das Geld. Nach und nach beruhigte sich die Lage wieder, und nach zwei Jahren konnte ich bereits wieder ernsthaft an eine Wahlteilnahme denken. Zudem hatte ich zwischenzeitlich den Vorsitz bei Greenpeace Deutschland übernommen und meine Glaubwürdigkeit durch einige aufsehenerregende Aktionen zurückerlangt. Und dann geschah im Frühjahr 2003 das schwere Tankerunglück vor der deutschen Küste (der 'Spargel' berichtete). Schlagartig schnellte die Zahl der Mitglieder auf 17.000. Ich witterte meine große Chance: Die nächsten Wahlen sollten in Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Brandenburg stattfinden. Alles, was an Geld noch in der Parteikasse war, steckte ich in den Wahlkampf in Mecklenburg und Brandenburg, da meine Partei dort bei den letzten Wahlen eigentlich für ödp-Verhältnisse immer sehr gut abgeschnitten hatte. Von Sachsen-Anhalt hingegen hielt ich mich fern, da ich dort einmal 300.000 DM für 0,2% der Stimmen ausgegeben hatte und dieses Desaster nicht wiederholen wollte. Die Wahl in Brandenburg verlief gut. Die ödp erzielte 3,7% der Stimmen und kam damit auf den 5. Platz und in den Genuss der Wahlkampfkostenerstattung, die ich sofort in den Wahlkampf in Meck-Pom steckte. In Umfragen lag die ödp in Mecklenburg bei 4,0%. Es könnte spannend werden.

Zwei Wochen vor der Mecklenburger Wahl die Sensation. Ohne überhaupt auch nur ein einziges Plakat geklebt zu haben, erzielte die ödp in Sachsen-Anhalt, wo sie vor vier Jahren mit besagten 0,2% so kläglich gescheitert war, 4,0% (vielleicht eine kleine Aufmunterung für Jens Rehmann?) Schließlich war auch in Mecklenburg der Wahltag gekommen. Ich hatte schon im Voraus beschlossen, danach den Spielstand abzuspeichern, um diesen Bericht zu schreiben. Aber diese eine Wahl wollte ich noch mitnehmen... Der ersten Wahlprognose zufolge würde die ödp auf 4,6% der Stimmen kommen. Punkt 19:00 Uhr lieferte das Fernsehen die neue Hochrechnung: 4,9%. Wann war ein Wahlabend jemals so spannend gewesen? Und dann die Bekanntgabe des amtlichen Endergebnisses: Die ödp wird fünftstärkste Partei mit 5,1% der Stimmen und zieht damit in den mecklenburgischen Landtag ein! So geschehen am 22. September 2003.

Tja, nun würde ich euch ja noch gerne erzählen, wie es weiterging mit der ödp auf dem Weg nach oben. Aber erstens habe ich soweit noch nicht gespielt, und zweitens ist dieser Bericht sowieso schon viel zu lang (außerdem bildeten CDU und SPD in Schwerin dann eine Große Koalition, sodass ich in kein Regierungsamt kam). Vielleicht ist es aber trotzdem gelungen, einen kleinen Einblick zu geben in ein Spiel, das - auch aufgrund seiner ungewöhnlichen Thematik, der es auch die Vorstellung in der 'miteinander' verdankt - mir sehr viel Spaß gemacht hat. Besonders lustig stelle ich mir einen Abend mit noch zwei Freunden vor, dass man dann zu dritt auf Stimmenfang gehen kann. Noch ein paar Worte zur Technik: Der Spielablauf ist völlig in Ordnung, das Laden und Speichern von Festplatte geht problemlos, die Steuerung ist idiotensicher und das Spiel an sich eigentlich selbsterklärend. Auf Dauer kann es allerdings eventuell ein bisschen eintönig werden, weil zu wenig Handlungsmöglichkeiten vorhanden sind - vor allem die Medien machen mit einem, was sie wollen (Zyniker könnten jetzt meinen, dass gerade das das besonders realistische an diesem Spiel ist). Die Spannung an den Wahltagen ist jedenfalls enorm. Der Sound ist dezent, unauffällig, während des Spieles spielt eine sanfte, unaufdringliche Hintergrundmusik, die man aber auch abschalten kann. Nur bei der Grafik hat man manchmal das Gefühl, eher einen Sinclair Spectrum vor sich zu haben denn einen Amiga. Selbst OCS-Amigas sind da völlig unterfordert. Aber wer weiß, vielleicht schiebt NEUDELSOFT ja mal eine 02er-Version hinterher, wünschenswert wäre es jedenfalls. Noch ein Punkt, den der/die eifrige ödp-WahlkämpferIn sicherlich schätzen wird - im Gegensatz zur grausamen Realität muss man bei '1990' keine Unterstützungsunterschriften sammeln...

Systemanforderungen:

Amiga-Minimalanforderungen: Kick 1.3, CD-Laufwerk, 1 MB RAM, Disketten-Laufwerk

Empfohlen: Festplatte, 2 MB RAM, Kick 2

PC-Minimalanforderungen: 286er Prozessor, 1 MB RAM, Festplatte, VGA-Karte, Maus.

Empfohlen: 386er Prozessor, Soundkarte

Bezugsquelle: APC&TCP, Postfach 83, 83236 Übersee, http://www.apc-tcp.de
 
  
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